Ich liege entspannt auf der Sommerlounge hinter dem Luterbächlihof und schaue den imposanten Wolken nach, die über den Himmel ziehen.
Der Wind kommt heute in Böen. Mal ist es beinahe still, dann rauscht es plötzlich durch die Bäume und die Äste unserer alten Hochzeitslinde beginnen sich zu bewegen.
Und dann geschieht etwas, das mich zum Schmunzeln bringt. Es hat also tatsächlich 65 Jahre gebraucht, bis ich zum ersten Mal bemerke, was da eigentlich durch die Luft wirbelt.
Dutzende kleiner Flugobjekte lösen sich von unserer Hochzeitslinde und werden von den Windböen über die Wiese getragen. Sie drehen sich, steigen auf, sinken wieder ab und schrauben sich durch die Luft wie winzige Helikopter.
Fast so, als hätte Leonardo da Vinci persönlich seine Finger im Spiel gehabt. Es müssen Samen der Hochzeitslinde sein.
65 Jahre – und ausgerechnet heute entdecke ich sie.
Ich beobachte die quirligen Flieger eine ganze Weile. Erstaunlich raffinierte kleine Flugapparate der Natur, die ich offenbar all die Jahre übersehen habe.
Wieder kommt eine Böe. Ein ganzer Schwarm steigt auf. Ich folge ihm mit den Augen.
Höher.
Über die Baumkronen.
Bis zu den mächtigen Wolken, die heute wie Gebirge über den Himmel ziehen.
Und dort …
ist etwas anderes.
Ich kneife die Augen zusammen. Zwischen zwei Wolken erscheint für einen Augenblick eine dunkle, beinahe runde Form. Dann ist sie wieder verschwunden.
Eine Wolke?
Nein.
Ich warte.
Da ist sie wieder.
Diesmal deutlicher.
Ein Ballon.

Doch irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Es ist kein Heissluftballon, wie man ihn heute gelegentlich über dem Mittelland sieht. Keine farbige Hülle, kein moderner Korb, kein Brenner.
Dieser Ballon sieht aus wie auf einem alten Kupferstich. Seine Hülle ist blass und fleckig. Ein Netz spannt sich darüber, zahlreiche Seile führen hinunter zu einem kleinen Korb.
Ich setze mich auf. «Was zum …?»
Eine Windböe erfasst den Ballon. Der Korb schwingt zur Seite. Jetzt erkenne ich Menschen darin. Zwei oder drei Gestalten.
Und dann höre ich etwas. Zuerst glaube ich, es sei der Wind. Doch dann wieder. Eine Stimme. «Haltet euch fest!»
Ich stehe auf. Der Ruf kam von oben. Eine zweite Stimme folgt. Aufgeregt. Ängstlich.
Der Ballon wird von einer Böe seitlich versetzt und treibt nun über die Felder in Richtung Hof. Ich kann die Menschen darin inzwischen deutlicher erkennen. Ihre Kleidung sieht aus, als wären sie direkt aus einem anderen Jahrhundert hierhergeweht worden: lange Mäntel, Westen, Halstücher und Zylinder.
Eine der Gestalten winkt verzweifelt. «He! Dort unten!» Ich blicke unwillkürlich hinter mich. Natürlich ist niemand da. «Ja, Ihr! Beim Hof!»
Jetzt bekomme ich eine Gänsehaut. «Wo sind wir?», ruft der Mann. Ich lege die Hände wie einen Trichter an den Mund. «Beim Luterbächlihof!»
Oben herrscht plötzlich Stille. Die Männer sehen einander an. Schliesslich beugt sich ein älterer von ihnen weit über den Korbrand. «Luter … was?»
«Luterbächlihof! Bei Safenwil!» Wieder diese ratlosen Blicke. Dann ruft der Mann: «Und in welchem Land?»
Jetzt muss ich lachen. «In der Schweiz!» Der Mann richtet sich auf. Er sagt etwas zu seinen Begleitern, dann beugt er sich wieder über den Rand. «Die Schweiz kennen wir, mein Herr!»
Eine Böe trägt seine nächsten Worte davon.
Dann geschieht alles sehr schnell.
Der Wind fährt durch die Bäume hinter dem Luterbächlihof. Die Äste biegen sich, Blätter und Lindensamen wirbeln über die Wiese. Über mir bläht sich die gewaltige Hülle des Ballons auf. Der Korb wird seitlich hochgerissen. «Haltet euch fest!»
Ein Sandsack löst sich. Ich sehe ihn fallen. Er schlägt weit draussen in der Wiese auf.
Der Ballon steigt plötzlich steil empor, wird von der nächsten Böe erfasst und auf eine dunkle Wolkenwand zugetrieben. «Wir können ihn nicht halten!», tönt es aus dem Ballon.
Ich laufe ein paar Schritte über die Wiese. Vollkommen sinnlos natürlich. Aber einfach dastehen kann ich auch nicht.
Dann höre ich wieder die Stimme des älteren Mannes. «Der Bach!» – «Was?» – «Der Luterbach!»
Jetzt bin ich endgültig verwirrt. Von hier beim Hof aus ist das Luterbächli kaum auszumachen. Es entspringt rund 250 Meter entfernt, unmittelbar beim alten Marchstein in der Bösmatt.
Woher kennt dieser Mann den Bach?
«Das Luterbächli?», rufe ich. «Das entspringt dort drüben, beim alten Marchstein!» Ich zeige in Richtung Bösmatt. Die Wirkung ist erstaunlich.
Der ältere Mann fährt herum. Einer seiner Begleiter zieht hastig ein zusammengerolltes Blatt aus seiner Manteltasche. Gemeinsam breiten sie es über dem Korbrand aus, während der Wind daran zerrt. Eine Karte.
Der ältere Mann blickt auf das Papier, dann dorthin, wohin ich gezeigt habe. Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf. «Dann sind wir richtig!» – «Richtig? Wofür?»
Wieder reisst der Wind an seiner Stimme. Ich verstehe zunächst nur einzelne Worte.
«… Grenze …»
«… kontrollieren …»
«… Steine …»
Dann wird es für einen Augenblick ruhiger. «Die Marchsteine!», ruft er. «Wir überprüfen die Marchsteine!»
Ich starre hinauf. «Welche Marchsteine?»
Der Mann schaut auf seine Karte. Sein Finger fährt über das Papier. Dann ruft er:
«Wir suchen Nummer vierhundertsiebenundsechzig!»

Jetzt wird mir die Sache unheimlich. «Der steht dort!», schreie ich und zeige wieder in Richtung Bösmatt.
Der Mann dreht sich zu seinen Begleitern. Auf einmal scheint ihre ganze Aufregung vergessen. Alle blicken nach unten. Der Wind treibt den Ballon weiter. Quer über die Bösmatt. Genau in Richtung Marchstein.
Dort, rund 250 Meter vom Hof entfernt, steht der alte Grenzstein. Ganz in seiner Nähe nimmt das Luterbächli seinen Anfang.
Plötzlich ruft der ältere Mann: «Dort!» Er nimmt seinen Hut ab und beugt sich über den Korbrand. «Tatsächlich! Er steht noch!»
Er steht noch? Ich laufe ein Stück über die Wiese. «Natürlich steht er noch!»
Der Mann hört mich offenbar. «Das will ich hoffen!», ruft er zurück. «Deshalb sind wir schliesslich hier!» – «Wieso?» – «Zur Kontrolle!» Er deutet auf die Karte. «Der Stein von 1764!»
Ich bleibe stehen. Ich schaue hinauf zu diesem merkwürdigen Ballon, zu den Männern in ihren langen Mänteln und Westen und zu der alten Karte, die sie mit beiden Händen gegen den Wind festhalten.
Auf einmal erscheint mir die ganze Szene noch sonderbarer.
Eine gewaltige Böe fährt über die Wiese. «Festhalten!» Der Korb kippt zur Seite. Die Karte flattert hoch. Einer der Männer erwischt sie im letzten Augenblick. Der Ballon steigt. «So wartet doch!», rufe ich.
Der ältere Mann schaut noch einmal zu mir hinunter. Ich habe hundert Fragen.
Woher kommen sie? Wer hat sie geschickt? Und wie um alles in der Welt sind sie mit diesem sonderbaren Ballon hierhergekommen?
Doch der Wind trägt sie bereits davon. Der Mann hebt noch einmal seinen Hut.
Dann erreicht der Ballon die Wolken.
Für einen Augenblick sehe ich nur noch die untere Hälfte der Hülle.
Dann den Korb.
Dann nichts mehr.
Keine Stimmen.
Kein Ballon.
Nur Wolken.
Und Wind.
Ich bleibe noch eine Weile auf der Wiese stehen. Schliesslich gehe ich zurück zur Sommerlounge.
Die ganze Sache ist vollkommen absurd. Ein Ballon. Männer aus einem anderen Jahrhundert. Eine Kontrolle von Marchsteinen.
Ich setze mich. Dann muss ich lachen. Vielleicht bin ich eingeschlafen. Wahrscheinlich sogar. Die vernünftigste Erklärung.
Eine Böe fährt durch die Hochzeitslinde. Wieder steigen die kleinen Flugapparate über der Wiese auf.
Ich lehne mich zurück und beobachte sie. Vor einer halben Stunde hätte ich ihnen wohl kaum Beachtung geschenkt. Jetzt folge ich jedem einzelnen mit den Augen. Bis hinauf zu den Wolken.
Erst später fällt mir ein, dass irgendwo draussen in der Wiese noch ein Sandsack liegen müsste.
